Als ich 2020 das damals neue Hörbuch 'Blutige Nachrichten' von Stephen King vorgestellt habe, lag mein Fokus bei den vier Geschichten vor allem auf 'Mr Harrigans Telefon'. Zu 'Chucks Leben' schrieb ich nur, dass es um „den / einen Weltuntergang“ geht. Da die berührende (Lebens-)Geschichte jetzt verfilmt wurde, hat auch die wie immer sehr gute Lesung von David Nathan mehr Aufmerksamkeit verdient!
„39 wunderbare Jahre! Danke, Chuck!“, steht auf einer riesigen Reklametafel, über die sich der im Stop-and-Go-Verkehr festhängende Marty Anderson wundert. Der so geehrte Charles Krantz ist ihm nicht bekannt. Er sieht auch nicht so aus, als ob er überhaupt seit fast vier Jahrzehnten arbeiten würde.
Beschrieben wird das „Foto eines mondgesichtigen Mannes […], dessen schwarz gerahmte Brille gut zu seinen schwarzen, säuberlich gekämmten Haaren passte. Mit einem Kugelschreiber in der Hand saß er an einem Schreibtisch, ohne Sakko.“
Kino für die Ohren im Hörbuch
Aber gut, könnte ja auch ein altes Foto sein. Es ist auch nicht weiter wichtig, da scheinbar gerade die Welt untergeht. Kurz danach bricht nämlich das Internet zusammen. Davon abgesehen gab es noch ganz andere Probleme, heißt es: „Wie etwa, dass ganze Vogel- und Fischarten ausstarben, und jetzt musste man sich auch um Kalifornien Sorgen machen: Es schwand…“.
„Aber immerhin geht Chuck Krantz in Ruhestand, was wohl ein Lichtstrahl in der Dunkelheit ist“, kommentiert Marty scheinbar witzig bei einem Telefonat. Doch schnell vergeht ihm das Lachen. Denn immer öfter taucht die Danksagung auf – z.B. im Radio, auf Bildschirmen, mit Graffiti-Sprüchen und von einem Flugzeug an den Himmel geschrieben.
Als sich Marty mit einem älteren Mann darüber unterhält, hat der auch keine Ahnung, wer Chucky eigentlich ist: „Ich hab mindestens zwei Dutzend Leute gefragt, aber niemand kennt ihn. Der gute Krantz scheint der Zauberer von Oz in Zeiten der Apokalypse zu sein.“
Schließlich sieht es für Marty auch tatsächlich langsam ganz danach aus, als käme bald das, was ihm in dem Moment nicht mehr gelingt „… auszusprechen: das Ende.“
Alles endet, aber nie die Musik
Das Ende ist hier bei Stephen King aber nur eine Art Anfang. Erzählt wird die Geschichte nämlich in drei Kapiteln in chronologisch umgedrehter Reihenfolge. Der „2. Akt: Straßenmusiker“ zeigt uns eine Szene aus Chucks Leben, an die er sich immer erinnern wird: „… und dann wird er denken, dass Gott dafür die Welt erschaffen hat.“
Mit dem „3. Akt: Vielheiten“ geht es dann zurück in Chucks Kindheit. Dieser Titel wird (fast) ganz zum Schluss der Novelle aufgegriffen, als Chuck einen sehr schönen Gedanken formuliert: „… und ich werde mein Leben leben, bis es zu Ende geht. Ich bin wunderbar, ich verdiene es, wunderbar zu sein, und ich enthalte Vielheiten.“
The Podcasts of Chuck
Im 'Papierstau'-Podcast betont Meike Stein, dass King dabei ein in seine Geschichte eingebautes Gedicht von Walt Whitman interpretiert: „In diesem berühmten Gedicht 'Song of Myself' heißt es: I am large. I contain multitudes. Und damit arbeitet er!“
Ab ca. Minute 17:15 geht es in Folge 125 um 'Chucks Leben', das ihr Co-Podcaster Robin Schneevogt als „eine der interessantesten Geschichten“ (aus dem Buch 'Blutige Nachrichten') bezeichnet.
Zu einem ähnlichen Ergebnis kommen Falko Löffler und Jochen Gebauer vom Podcast 'Kapitel Eins', die bei Folge 44 namens 'If it bleeds' nach dem Originaltitel des Sammelbands von Stephen King für 'The Life of Chuck' in ihrer Bewertung 9 und sogar 10 von 10 Punkten vergeben.
Dancing Queen and King
Im Nachwort, das David Nathan natürlich fürs Hörbuch auch eingelesen hat, erzählt Stephen King, dass er keine Ahnung hat, woher 'Chucks Leben' ihm zugeflogen ist. Im kam einfach diese Reklametafel in den Sinn. Später sah er in Boston einen Straßenmusiker.
Er fragte sich, was „… wohl passieren würde, wenn jemand, zum Beispiel ein typischer Geschäftsmann, stehen bleiben und ein Tänzchen wagen würde, so ähnlich wie Christopher Walken in 'Weapon of Choice', diesem fantastischen Musikvideo von Fatboy Slim."
Im Kino können wir bald sehen, wie sich zumindest Regisseur Mike Flanagan das ausgemalt hat. Davor hat er unter anderem 'Doctor Sleeps Erwachen' von Stephen King verfilmt. Und sowohl 'Der dunkle Turm' als auch 'Carrie' sollen nächstes Jahr folgen.
Mein Lieblingszitat aus der Lesung von David Nathan ist übrigens Folgendes, in der er eine Kurznachricht aus einem Handy-Chat vorliest: „Das verpasst du gerade, du Haufen - Scheißhaufen böse“. So liest er ein ausgedachtes Emoji, das hieran angelehnt scheint: 💩
Ich musste ja auch ans Musikvideo zu 'Days go by' von Dirty Vegas denken, bei dem die Geschichte von einem jungen Mann erzählt wird, der einfach nicht aufhören wollte zu tanzen. Irgendwann hielt es seine Freundin nicht mehr aus und verließ ihn.
Seitdem kommt er jedes Jahr dorthin zurück in der Hoffnung, dass sie doch wieder auftaucht. Zurück zu King: Nachdem er zwei Geschichten über Chuck geschrieben hatte, wollte er „… eine dritte schreiben, die alle drei zu einer zusammenhängenden Erzählung verknüpfte.“
Ob es funktioniert hat, müssen alle nach Hören von 'Blutige Nachrichten' (Penguin/Random House Audio) selbst entscheiden. Ich kann nur sagen: 137 WUNDERBARE MINUTEN! DANKE, DAVE! DANKE, STEVE!
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